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Veröffentlichungen

Die Veröffentlichungen von Sebastian Brandt bewegen sich an der Schnittstelle von Naturwissenschaft, Rekonstruktion und gestalterischer Praxis. Sie widmen sich der Frage, wie sich ausgestorbene Organismen, historische Lebensräume und komplexe ökologische Zusammenhänge auf Grundlage aktueller Forschung nachvollziehbar und glaubwürdig darstellen lassen. Im Zentrum stehen dabei Botanik, Paläontologie und der naturkundliche Modellbau als vermittelndes Medium zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit.

Brandts Arbeiten basieren auf intensiver Auseinandersetzung mit wissenschaftlicher Fachliteratur, fossilen Originalfunden und dem kontinuierlichen Austausch mit Fachwissenschaftlerinnen und Fachwissenschaftlern unterschiedlicher Disziplinen. Seine Publikationen greifen Themen wie funktionelle Anatomie, Paläoökologie, Evolutionsprozesse, Hybridisierung sowie die Rekonstruktion historischer Landschaften und Ökosysteme auf. Dabei werden nicht nur etablierte Erkenntnisse zusammengefasst, sondern auch neue Hypothesen diskutiert und in einen gestalterischen Kontext überführt.

Wissenschaftliche Rekonstruktionen - zwischen Forschung, Gestaltung und Vermittlung

Pflanzen

Veröffentlichungen zum verschiedenen Lebensraum-Dioramen von Sebastian Brandt.

Epipogium aphyllum – der Geist des Waldes

Sebastian Brandt

Zusammenfassung

Die geheimnisvolle Geisterorchidee Epipogium aphyllum ist wahrlich ein rätselhaftes Kleinod. Es ist durchaus berechtigt zu sagen, dass sie an der Spitze der floralen Evolution steht. Sie ist eine vollständig myko-heterotrophe Pflanze und unglaublich selten zu finden – meist in alten, schattigen und nahezu unberührten Buchenwäldern mit altem Baumbestand, viel Totholz, einer dicken Schicht aus Laubdetritus und hoher Feuchtigkeit.

Der Boden darf niemals austrocknen und wird durch sich verlagerndes Grundwasser versorgt, das aus erodierten kalkhaltigen Gesteinen austritt. Im Verlauf ihrer Evolution hat diese bizarre Orchidee ihren Stoffwechsel vollständig mit saprobiontischen Pilzen verknüpft.

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Epipogium aphyllum mit Buchentrieb

Kalkmagerrasen Lebensraum-Diorama

Sebastian Brandt

Zusammenfassung

Das äußerst artenreiche Ökosystem des kalkreichen, nährstoffarmen Trockenrasens stellt den Lebensraum nicht nur für die Riemenzunge dar, sondern auch für viele weitere Pflanzenarten, von denen hier nur eine sehr begrenzte Auswahl gezeigt werden kann. Ein Aspekt, den das Exponat veranschaulicht, ist der mehrschichtige Aufbau dieses Offenland-Biotops, der dem Wanderer meist verborgen bleibt, da er es nur von oben wahrnimmt.

Wie Bäume in einem Miniaturwald ragen die hohen Fruchtstände der Riemenzunge über das Blickfeld der Wühlmäuse hinaus. Etwas tiefer folgt die Schicht aus Gräsern und Kräutern, und ganz unten die bodennahe Vegetation – häufig bestehend aus Resten junger, blühender Pflanzen in Form ihrer unteren Blattrosetten, aus Moosen und Flechten im sich zersetzenden Substrat abgestorbener Pflanzenreste. Jede dieser Ebenen besitzt ihre eigenen – oft verborgenen – tierischen Bewohner, die jeweils perfekt an ihre spezifische Umwelt angepasst sind.

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Riemenzungen Lebenraum Diorama

In der Nische des Sonnentaus –
die verborgenen Lebewesen der Hochmoore

Sebastian Brandt

Zusammenfassung

Das Leben der Hochmoore ist ein verborgener Schatz. Diese zu den am stärksten gefährdeten Ökosystemen zählenden Lebensräume sind durch zahlreiche vom Menschen verursachte Einflüsse bedroht – nicht nur durch Entwässerung und Torfabbau, sondern auch durch den Klimawandel, da sie vollständig von einem langfristig stabilen Regenwasserhaushalt und ausreichender Feuchtigkeit abhängig sind. Es handelt sich um ein Extremökosystem mit saurem, nährstoffarmem Torfboden, der über Hunderte von Jahren durch verschiedene Torfmoos-Arten (Sphagnum) aufgebaut wurde. Gleichzeitig besitzen Moore die größten Kohlenstoffdioxid-Speicherkapazitäten aller terrestrischen Lebensräume.

Hochmoore sind die Heimat einiger sehr ungewöhnlicher evolutionärer Experimente – wahrer natürlicher Spezialisten. Der Rundblättrige Sonnentau (Drosera rotundifolia) ist eine bizarre fleischfressende Pflanze.

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Sonnentau Lebenraum Diorama

Seine Wurzeln dienen lediglich als rudimentäre Verankerung, um die kleine, fragile Pflanze zwischen den nassen Torfmoosstämmen zu fixieren – nicht zur Nährstoffaufnahme, denn im Boden sind praktisch keine Nährstoffe vorhanden, insbesondere kein Stickstoff. Stattdessen haben sich seine Blätter evolutionär von reinen Photosyntheseorganen zu hochkomplexen Insektenfallen entwickelt. In einer kleinen bodennahen Rosette auf dünnen Stielen sitzend, sind sie dicht besetzt mit glänzenden, rötlichen Drüsenhaaren. Jede dieser haarartigen Strukturen trägt einen glitzernden, süßlich duftenden, nektarähnlichen Tropfen – unwiderstehlich für kleine Insekten wie Fliegen, Bienen, Wanzen und sogar Schmetterlinge. Im frühen Sonnenlicht funkeln sie wie Tau. Doch sie sind kein Tau, sondern extrem klebrige Absonderungen dieser listigen Pflanze, voll von Verdauungsenzymen, die in der Lage sind, alle benötigten stickstoffhaltigen Verbindungen aus jeder Insektenbeute zu lösen, die unvorsichtig genug ist, auf dieser kostbaren Falle zu landen. Im Moment des Kontakts bleibt das Tier sofort kleben, und innerhalb etwa einer Stunde bewegen sich nahezu alle Tentakel des Sonnentau-Blattes durch einen speziellen, impulsartigen und asymmetrischen Wachstumsprozess nach innen auf das Opfer zu und beginnen mit der Verdauung. Nach spätestens zwei bis drei Tagen bleiben nur noch der leere Chitinpanzer des Insekts und seine Flügel zurück.

Weitere typische Pflanzen dieses besonderen Lebensraums sind die Scheidige Wollgrasart (Eriophorum vaginatum), die Moor-Heidelbeere (Vaccinium uliginosum) und die Moosbeere (Vaccinium oxycoccos). Auch die Tierwelt ist hier etwas Besonderes, vor allem bei den Insekten, etwa dem kostbaren Moorbläuling (Plebeius optilete) und verschiedenen räuberischen Laufkäfern (Carabus sp.). Wirbeltiere sind in diesen nährstoffarmen Gebieten eher selten. Zu den häufigeren Arten zählen Insektenfresser wie die Zwergspitzmaus (Sorex minutus) und die Feldspitzmaus (Crocidura suaveolens).

Urtiere

Beiträge zu Eudibamus cursoris, Diadectes absitus, Ichniotherium cottae, Orobates pabsti und Ichniotherium sphaerodactylum von Sebastian Brandt.

Comparison of Basiliscus plumifrons and Eudibamus cursoris locomotion. Replica by Sebastian Brandt
Comparison of Basiliscus plumifrons and Eudibamus cursoris locomotion. Replica by Sebastian Brandt

Ein Blick auf die terrestrische Fortbewegung des Perms: Eudibamus cursoris (David S. Berman et al.; 2000) – der erste nachweisliche zweibeinige Läufer in der Evolution des Lebens

Sebastian Brandt

Zusammenfassung

Eudibamus ist eine ausgestorbene Gattung aus der Familie der Bolosauridae. Eudibamus lebte im Perm vor etwa 280 Millionen Jahren. Diese rätselhaften Wirbeltiere werden den sogenannten Parareptilien („reptilienähnlich“) zugeordnet, da sie trotz ihres hohen Alters reptilmorphe Merkmale in ihrer Anatomie aufweisen – obwohl sie deutlich älter sind als alle echten Reptilien, wie wir sie heute kennen. Die Parareptilien stellen eine eigenständige Gruppe dar: ein evolutionäres Experiment, das lange vor der Aufspaltung der Wirbeltiere in Amphibien, Reptilien und Säugetiere stattfand. Das einzige bekannte Skelett von Eudibamus cursoris wurde im weltberühmten Bromacker-Steinbruch in Thüringen (Mitteldeutschland) entdeckt, einer der bedeutendsten Fundstellen für frühe terrestrische Wirbeltiere weltweit.

Die Bromacker-Funde dokumentieren ein komplexes Ökosystem des mittleren Perms mit einer vielfältigen Fauna und Flora früher Landbewohner wie Orobates, Diadectes, Dimetrodon und vielen weiteren Arten. Die dortigen Sand- und Tonsteine wurden auf einem hochgelegenen kontinentalen Plateau abgelagert, das von periodischen Wasserläufen, Tümpeln und Überschwemmungsflächen durchzogen war.

Diese permische Landschaft fernab des Meeres war geprägt von einem extrem kontinentalen Klima mit heißen Tagen und kühlen Nächten. Es war die Zeit des einzigen Superkontinents Pangäa, bevor dieser zu zerbrechen begann und sich in die heutigen Kontinente aufspaltete. Auch periodische Temperaturen unter dem Gefrierpunkt sind belegt, sodass sich Flora und Fauna an erhebliche klimatische Extreme anpassen mussten, um zu überleben. Die herpetofaunalen Wirbeltiere dieser Zeit und Region werden als „Ursaurier“ bezeichnet – nicht, weil sie nahe Vorfahren oder Verwandte der viele Millionen Jahre später auftretenden Dinosaurier wären, sondern weil sie die ersten eindeutig belegten, vollständig terrestrisch lebenden Wirbeltiere in der Evolution des Lebens darstellen.

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Basiliscus plumifrons & Eudibamus cursoris Vergleich terrestrische Fortbewegung

Naturidentisches Modell von Diadectes absitus, rekonstruiert von Sebastian Brandt (Reco-Brandt), wissenschaftliche Replik.
Naturidentisches Modell von Diadectes absitus, rekonstruiert von Sebastian Brandt (Reco-Brandt), wissenschaftliche Replik.

Diadectes absitus (David S. Berman et al.; 1998) & Ichniotherium cottae
- Ein Einblick in die terrestrische Fortbewegung des Perms

Sebastian Brandt

Zusammenfassung

Diadectes absitus ist eine ausgestorbene Art aus der Familie der Diadectidae – einer evolutionären Wirbeltiergruppe, die während des mittleren Perms vor etwa 260 Millionen Jahren konservative amphibische mit fortgeschrittenen, reptilienähnlichen Merkmalen vereinte. Diadectes absitus ist seit 1998 durch außergewöhnlich gut erhaltene Fossilien bekannt: ein nahezu vollständig artikuliertes Skelett, isolierte Gliedmaßen und Schädel sowie seltene fossile Fußabdrücke und Fährten, die unter dem Namen Ichniotherium cottae beschrieben wurden. Diese stammen aus dem weltberühmten Sandsteinbruch von Bromacker (Thüringen) in Mitteldeutschland.

Die Kombination aus fossilen Fährten und vollständig artikulierten Skelettfunden ist weltweit einzigartig. Weitere Fossilien aus derselben stratigraphischen Lage belegen unterirdische Baue, die ebenfalls der verwandten Gattung Orobates pabsti zugeordnet werden können und vermutlich auch als fossile Fallen zur Erhaltung vollständiger Skelette dienten. Die Bromacker-Funde dokumentieren ein komplexes Ökosystem des mittleren Perms mit einer vielfältigen Fauna und Flora früher terrestrischer Lebensformen. Die dortigen Sand- und Tonsteine wurden auf einem hochgelegenen kontinentalen Plateau abgelagert, das von periodischen Wasserläufen, Tümpeln und Überschwemmungsflächen durchzogen war.

Diese permische Landschaft fernab des Meeres war geprägt von einem extrem kontinentalen Klima mit heißen Tagen und kühlen Nächten. Es war die Zeit des einzigen Superkontinents Pangäa, bevor dieser zu zerbrechen begann und sich in die heutigen Kontinente aufspaltete. Auch periodische Temperaturen unter dem Gefrierpunkt sind belegt, sodass sich Flora und Fauna an erhebliche klimatische Extreme anpassen mussten, um zu überleben. Die herpetofaunalen Wirbeltiere dieser Zeit werden als „Ursaurier“ bezeichnet – nicht, weil sie nahe Vorfahren oder Verwandte der viele Millionen Jahre später auftretenden Dinosaurier wären, sondern weil sie die ersten eindeutig belegten, vollständig terrestrisch lebenden Wirbeltiere in der Evolution des Lebens darstellen.

Diadectes absitus – wissenschaftliche Rekonstruktion

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Naturidentisches Rekonstruktionsmodell von Orobates pabsti, hergestellt von Sebastian Brandt (Reco-B
Naturidentisches Rekonstruktionsmodell von Orobates pabsti, hergestellt von Sebastian Brandt (Reco-B

Orobates pabsti (Berman et al., 2004) & Ichniotherium sphaerodactylum
- ein weiterer Einblick in die terrestrische Fortbewegung des Perms

Sebastian Brandt

Zusammenfassung

Orobates ist eine ausgestorbene Gattung aus der Familie der Diadectidae – einer evolutionären Wirbeltiergruppe, die während des mittleren Perms vor etwa 260 Millionen Jahren konservative amphibische mit fortgeschrittenen, reptilienähnlichen Merkmalen vereinte. Orobates pabsti ist seit 1998 durch außergewöhnlich gut erhaltene Fossilien bekannt: ein vollständig artikuliertes Skelett sowie zahlreiche fossile Fußabdrücke und Fährten, die unter dem Namen Ichniotherium sphaerodactylum beschrieben wurden. Diese stammen aus dem weltberühmten Sandsteinbruch von Bromacker (Thüringen) in Mitteldeutschland.

Die Kombination aus fossilen Fährten und vollständig artikulierten Skelettfunden ist weltweit einzigartig. Weitere Fossilien aus derselben stratigraphischen Lage belegen unterirdische Baue, die ebenfalls Orobates zugeordnet werden können und vermutlich auch als fossile Fallen zur Erhaltung vollständiger Skelette dienten. Die Bromacker-Funde dokumentieren ein komplexes Ökosystem des mittleren Perms mit einer vielfältigen Fauna und Flora früher terrestrischer Lebensformen. Die dortigen Sand- und Tonsteine wurden auf einem hochgelegenen kontinentalen Plateau abgelagert, das von periodischen Wasserläufen, Tümpeln und Überschwemmungsflächen durchzogen war.

Diese permische Landschaft fernab des Meeres war geprägt von einem extrem kontinentalen Klima mit heißen Tagen und kühlen Nächten. Es war die Zeit des einzigen Superkontinents Pangäa, bevor dieser zu zerbrechen begann und sich in die heutigen Kontinente aufspaltete. Auch periodische Temperaturen unter dem Gefrierpunkt sind belegt, sodass sich Flora und Fauna an erhebliche klimatische Extreme anpassen mussten, um zu überleben. Die herpetofaunalen Wirbeltiere dieser Zeit werden als „Ursaurier“ bezeichnet – nicht, weil sie nahe Vorfahren oder Verwandte der viele Millionen Jahre später auftretenden Dinosaurier wären, sondern weil sie die ersten eindeutig belegten, vollständig terrestrisch lebenden Wirbeltiere in der Evolution des Lebens darstellen.

Orobates pabsti – wissenschaftliche Rekonstruktion

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Ceratiten

Veröffentlichungen zum Thema Ceratiten von Siegfried Rein, Manfred Schulz & Sebastian Brandt

Zusammenfassung

Nach der allopatrischen Speziation einer unbekannten Spezies der Gattung Ceratites de Haan aus der sephardisch/levantischen Faunen-Provinz entstanden die Schwester-Arten Ceratites nodosus Schlotheim, 1820 und Ceratites tornquisti Philippi, 1901. Die stammesgeschichtliche Entwicklung als evolutionäre Spezies Ceratites nodosus beginnt im unteren Illyrium mit der Immigration in den hessisch/thüringischen Senkungsraum des Muschelkalkmeeres. Die Analyse des Fundmaterials der Geilsdorfer flexuosus-Population 4,5 Meter über der Tetractinella-Bank liefert die Basis-Werte ihrer lückenlosen endemischen Phylogenese.
Entscheidend für die Aussagekraft der Belegstücke ist ihre autochthone Einbettung als Individuen einer Population in einer stratigraphisch ungestörten Lage. Eine diagenetische Besonderheit ist die vollständige Sediment-Verfüllung der Wohnkammer. Sie ermöglicht die einzigartige biometrische Unterteilung in drei Ontogenie-Stufen bis zur Gehäuse-Mündung.

Grundlage für das generelle Verständnis der Biologie der Ceratiten der Geilsdorfer flexuosus-Population ist ihre zweistufige Individual-Entwicklung. Die Wachstums-Umkehr von der progressiven zur regressiven Querschnitts-Zunahme beim Gehäuse-Bau entspricht dem Wechsel vom Jugend-Alter zum Adult-Stadium. Für diesen in der ontogenetischen Entwicklung des Ceratiten-Tieres geführten Nachweis eines Gestalt-Wandels wird der Begriff „regressive Wachstums-Metamorphose“ (rWM) gewählt. Die regressive Wachstums-Metamorphose ist das bedeutendste evolutionsbiologische Merkmal der Immigranten. Es wird hypothetisch als Prozess der Geschlechtsreife gedeutet.
Als divergierende Ausbildung wird bei der rWM ein genetisch basierter Antagonismus der Innenspirale sichtbar. Der Parameter-Wert „20“ der Nabelweite trennt zwei juvenile Morphotypen. Die Werte des Morphotyps „e“ < 20 und die Werte des Morphotyps „p“ > 20. Physiologisch verursacht verändern sich beim Wachstum im Adult-Stadium die Parameter-Werte in den Ontogenie-Stufen. Trotzdem bleiben bei allen Individuen der Morphotype „e“ die Werte immer < 20. Im Unterschied dazu können Morphotypen „p“ zu Individuen mit Nabel-Werten < 20 transformieren. Die kausal genetisch belegte Unterscheidung der Morphotypen „e“ und „p“ wird hypothetisch als Merkmal für Geschlechts-Dimorphismus gedeutet.

Der Phragmokon ist als Jugendform des Geilsdorfer Ceratiten-Gehäuses immer dichotom skulpturiert. Mit durchschnittlich 13 eingebauten Kammern ist es der kleinste Phragmokon-Bau der Morphokline. Ungewöhnlich ist auch die Entwicklung der Wohnkammer-Skulptur der flexuosen Morphen. Sie entspricht keinem eigenen fortschreitend evolutiven Aufbau, sondern einem rückschreitenden Abbau adulter Skulptur-Bildungen. Voraussetzung für das Verständnis der Entstehung der spezifischen Skulptur- und Schalen-Bildungen ist die flächige Haftung des Weichkörpers am Hypostracum vom apikalen Ende der Wohnkammer bis zum Kopf-Fuß vor der Gehäuse-Mündung.

Die Chronospezies Ceratites flexuosus von Geilsdorf - Ein evolutionsbiologischer Modellfall der evolutionären Art Ceratites nodosus

Siegfried Rein & Sebastian Brandt

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Zusammenfassung

Die Muschelkalk-Cephalopoden-Sammlung des Erfurter Naturkundemuseums verfügt mit 11 000 Ceratiten über einen Bestand großer Populations-Aufsammlungen. Sie bilden mit der Biospezies Ceratites nodosus nach dem Paradigmenwechsel vom leblosen Einzelobjekt zum biologischen Objekt der Populationsgenetik die Grundlage der vierten Stufe der Ceratitenforschung. Der lückenlos belegte Nachweis der evolutionären Entwicklung der Biospezies Ceratites nodosus von der Immigration in das Muschelkalkmeer bis zu ihrem Aussterben ist zwei Faktoren zu verdanken.

– Außergewöhnlich vorteilhafte geologische/geochemische Bedingungen ermöglichen eine ausgezeichnete fossile Erhaltung und Präparation der Ceratiten-Steinkerne.
– Die beispielslos evolutionäre Adaptation an unvorhersehbar wechselnde ökologische Bedingungen garantiert die ungewöhnliche biostratigraphische Überlebenszeit der Biospezies.

Die Evolution der Biospezies verlief trotz wechselnder ökologischer Bedingungen über 5 Millionen Jahre durchgängig dimorph. Die Zeit zwischen Gänheim-Bank und Schellroda-Bank ist der extremste Abschnitt der Ceratiten-Phylogenese. Beim transgressiven Vorrücken der nordwestlichen Palaeotethys in der gredleri-Zone kann eine Flutung des Muschelkalkmeeres den für Ceratites nodosus tödlich wirkenden Chemismus-Wechsel verursacht haben. Die zeitgleich immigrierten Parapinacoceras thiemeli und Gymnites brunzeli fanden kurzzeitig optimale Lebensbedingungen, wo nur wenige Thüringer Refugien das Aussterben der Biospezies Ceratites nodosus verhinderten.
Die beispiellose evolutionäre Adaptation der Biospezies wird am absoluten Tiefpunkt der Phylogenese der Biospezies sichtbar. In der ersten Progenese-Phase degenerieren Morphologie und Physiologie auf das frühontogenetische Stadium der Immigranten. Die Gehäusemündung endet regressiv und die Wohnkammerindex-Werte entsprechen den Minimal-Werten von Geilsdorf (Brandt & Rein 2019). Der Phragmokon wird als Teil des Organsystems ein lebensrettendes Organ der Ceratiten. Durch zusätzlichen Septen-Einbau konnte der Aussterbeprozess verhindert werden. Auch die Biologie und Lebensweise der Biospezies Ceratites nodosus ist beispielslos. Mit der Ausbildung großflächiger Unterfangungen der Originalschale wird der Beweis erbracht, dass der Ceratiten-Weichkörper vollständig am Hypostracum haften musste. Ceratites nodosus konnte deshalb bei Gefahr seinen Kopffuß nicht in das schützende Gehäuse zurückziehen.

– Der Nachweis der Ganzkörperhaftung des Weichkörpers am Hypostracum ist die wichtigste Erkenntnis der Ceratiten-Weichkörper-Forschung.
– Das Regenerationsvermögen des Weichkörpers nach Verletzungen und Erkrankungen kann erst ohne Originalschale mit Steinkern-Erhaltung real rekonstruiert und verstanden werden.

Ceratites nodosus hatte eine vagil-benthische Lebensweise. Diese Lebensweise bedingt eine für das Leben am Meeresboden angepasste trophische Beziehung. Ceratites nodosus lebte in riesengroßen Populationen auf einer unteren Trophiestufe der Nahrungskette des Ökosystems. Die altersmäßige Zusammensetzung der Population bedingt eine für Invertebraten einzigartige soziale Lebensweise in Generationen-Gemeinschaften (Rein 2003).

Die Muschelkalk-Cephalopoden Kollektion des Naturkundemuseums Erfurt und ihre Bedeutung in der Muschelkalkforschung

Siegfried Rein & Sebastian Brandt

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Zusammenfassung

Die Auswertung der Informationen aberranter spinoser Morphen bringt einerseits eine Fülle neuer Erkenntnisse und bestätigt andererseits alle bislang diesbezüglich gemachten Diagnosen. Das variable Regenerationsverhalten des Mantelithels ermöglicht Rückschlüsse auf die biologische Organisation des Weichkörpers und den Toleranzbereich physiologischer Prozesse. Dazu gehört der Nachweis der vollständigen Mantelhaftung am Hypostracum in der Wohnkammer sowie die Koordination der Funktion des präseptalen mit dem apikalen Mantelithels und dem Siphonalapparat.

Die Bewertung der anomalen Bildungen offenbart eindrucksvoll, daß der Ceratiten-Weichkörper keinerlei morphologische und biologische Gemeinsamkeit mit Nautilus besitzt. Sowohl der heterogene Einbaurhythmus der Septen als auch die Existenz organischer Lamellen belegen, daß selbst beim Phragmokon keine funktionsmorphologischen Gemeinsamkeiten mit Nautilus bestehen. Offenbar übernehmen intrakamerale organische Strukturen in flüssigkeitsgefüllten Kammern kurzzeitig eine physiologische, den Heilprozess unterstützende Aufgabe. Damit erhält der Phragmokon die Funktion eines den Stoffwechsel unterstützenden Organs für Lebewesen mit einer vagil-benthischen Lebensweise.

Zur Biologie der Ceratiten der spinosus-Zone – Ergebnisse einer Populationsanalyse, Teil III: Schlußfolgerungen zur biologischen Organisation und Lebensweise des Ceratitentieres

Siegfried Rein & Sebastian Brandt

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„Die falschesten Geschichten sind diejenigen, die wir am besten zu kennen glauben und deshalb nie genau überprüfen oder in Frage stellen“. (GOULD 1998).

Zusammenfassung

Im Oberen Muschelkalk des Großenlüderer Grabens (Osthessen) wurden in den letzten 15 Jahren zahlreiche Krebse, im wesentlichen Lissocardia silesiaca (v. Meyer, 1847), geborgen. Sie entstammen der Lissocardia-Bank, einer horizontbeständigen Lage ca. 25 cm unter dem Leithorizont der Tetractinella-Bank (Brockelkalk 4a, Trochitenkalk-Formation, Kraichgau-Subformation, Anis, Oberillyr). Nach der Bearbeitung der Dekapoden von Garrassino et al. (1999/2000) wurde im Steinbruch Otterbein der Obere Muschelkalk mit der Fundlage aufgeschlossen. Flächige intensive Nachsuchen, unter besonderer Berücksichtigung sedimentologischer Aspekte und begünstigt durch gute Aufschlussverhältnisse, ermöglichen nun konkrete Aussagen über Entstehung und diagenetische Prägung der Lagerstätte. Neufunde von Lissocardia – Exuvien in Bauen – werden beschrieben und Rückschlüsse auf Lebensweise und Habitat diskutiert.

Die Anatomie der Spezies Lissocardia silesiaca wird um weitere Details ergänzt und funktionsmorphologisch untersucht. Insbesondere wird dabei die Bedeutung des Informationsgehalts der Neufunde für das Verständnis dieses, im Oberen Muschelkalk einzigartigen Lebensraums hervorgehoben.

Lissocardia silesiaca - ein Spezialist in seinem Ökosystem
Die Lissocardia-Bank von Großenlüder (Hessen/Deutschland)

Manfred Schulz & Sebastian Brandt

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Zusammenfassung

Aus dem Oberen Muschelkalk (Mittel-Trias, Ladin) des Germanischen Beckens werden zwei neue natante Dekapoden beschrieben. Der Fund eines Penaeidae Rafinesque, 1815 aus der Trochitenkalk-Formation von Großenlüder (Hessen) gehört der Gattung Antrimpos Münster, 1839 an. Der stenopotente Immigrant wird zu der neuen Art Antrimpos germanicus n. sp. gestellt. Ein weiterer Fund aus der Meissner-Formation von Bucha (Thüringen) erweist sich als bisher ältester Caridea Dana, 1852 überhaupt und schließt mit der Einordnung in die Überfamilie der Palaemonidae Rafinesque, 1815 eine etwa 110 Millionen Jahre währende Überlieferungslücke in der Evolution der Cariden. Die neue Gattung Parapalaemonetes n. gen. und die eurypotente Typusart Parapalaemonetes thuringiacus n. gen. n. sp. werden diagnostiziert. Die beiden neuen Arten sind Angehörige divergenter Formationen und somit grundverschiedener Lebensbedingungen innerhalb des Ökosystems Oberer Muschelkalk.

Die Hintergründe für den generell schlechten Fossilbericht natanter Dekapoden im Oberen Muschelkalk werden in Bezug auf fazielle Bedingungen und paläoökologische Gesichtspunkte analysiert. Die stammesgeschichtliche Bedeutung der Neufunde wird interpretiert und neue Überlegungen zur Variation und chronostratigraphischen Speziation der Gattung Antrimpos, sowie zur Evolution der cariden Dekapoden erörtert.

Zwei neue natante Dekapoden aus dem Oberen Muschelkalk (Mittel-Trias, Ladin) des Germanischen Beckens – Antrimpos germanicus n. sp. und Parapalaemonetes thuringiacusn. gen. n. sp.

Sebastian Brandt & Manfred Schulz

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Zusammenfassung

Mit verschmitzten Mundwinkeln und dem ihm eigenen feurigen Blick umriss „Siggi“ mit diesem einem Satz, was ihm seine Arbeit bedeutete und wie er sie lebte. Siegfried Rein war in der Lage, die biologischen Zusammenhänge einer seit 234 Millionen Jahren verschwundenen fremdartigen Tierart Ceratites nodosus nicht bloß zu untersuchen und zu kennen – er konnte – er musste sich in diesen unbekannten Organismus und seine verlorene Welt hineinversetzen, um ihn authentisch zu verstehen. Aus dieser imaginierten, oft grübelischen „Innenansicht“ heraus war er in der Lage, die abstrakten Datensätze und Diagramme unzähliger statistischer Messwerte von zehntausenden fossilen Gehäusesteinkernen in seiner genialen Weise zu deuten und so Stück für Stück ein lebendigeres Bild dieser faszinierenden Tiere und ihrer Welt zu rekonstruieren.

Manchmal kamen die entscheidenden Geistesblitze mitten in der Nacht – er schlief mit dem Diktiergerät auf dem Nachttisch – dann war an Schlaf sowieso nicht mehr zu denken. Diese fesselnde, hochspannende Arbeit war neben seiner geliebten Ehefrau Monika „Siggis“ Lebensinhalt nach seinem Motto: „… der eigentliche Lohn muss in der Befriedigung liegen, in dem Privileg, an einem aufregenden Thema zu arbeiten, in dem inneren Frieden nach geleisteter Arbeit, in dem seltenen Vergnügen zu wissen, dass man etwas bewirkt hat.“ (S. J. Gould)

„Ich bin dann ein Ceratit!“
In Gedenken an Siegfried Rein (1. August 1936 - 2. Dezember 2020)

Sebastian Brandt

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