TRIAS - Rückblick: Einmalige Einblicke in die flexuosus-Zone von Geilsdorf

Im Sommer 2016 gelang es Sebastian Brandt in Geilsdorf (Thüringen), eine außergewöhnliche Fundstelle aus der Ceratites flexuosus-Zone des Oberen Muschelkalks zu entdecken. Nach intensiven Grabungen wurden über 150 hervorragend erhaltene Ceratiten geborgen – ein Fund, der nicht nur zu den bedeutendsten seiner Art in Deutschland zählt, sondern auch neue Einblicke in die Evolution und Wanderung früher Ceratiten eröffnet.

Sebastian Brandt

Reco-Brandt Lebendrekonstruktion von Ceratites nodosus (Zeitform C. evolutus)
Reco-Brandt Lebendrekonstruktion von Ceratites nodosus (Zeitform C. evolutus)

Aus Anlass des Erscheinens zweier Publikationen möchte ich hier die Gelegenheit nutzen, eine ehemalige Fundstelle vorzustellen, die für mich einen Höhepunkt meiner Sammeltätigkeit im Oberen Muschelkalk Thüringens darstellt.
Anfang Juni 2016 erhielt ich von Sammlerfreund Kay-Uwe Elste die Nachricht, dass in der Nähe von Stadtilm ein neuer Autobahnzubringer für die A 71 im Bau sei und dort an mehren Stellen der Obere Muschelkalk aufgeschlossen sei. Schon bei unserer ersten gemeinsamen Begehung der recht abgelegenen Baustelle war klar, dass dort Material aus der flexuosus-Zone auf die Halden gefahren wurde.
Ceratites flexuosus, die älteste und erste Chronospezies der evolutionären Biospezies Ceratites nodosus, ist so etwas wie der „Heilige Gral“ für „besessene“ Ceratitensammler wie mich. Neben ihrer enormen, fast schon phantomhaften Seltenheit und faszinierenden Ästhetik war es vor allem auch die wissenschaftliche Bedeutung der extrem variablen Immigranten-Morphen, die mich seit Jahrzehnten jeden noch so kleinen Aufschluss dieser Zone gründlichst untersuchen ließ. Daher ließ die Hand voll spontan gefundener Ceratitenbruchstücke auf der Halde bei mir alle Alarmglocken läuten, war doch zuvor bereits ein einziger Ceratitenfund aus dieser Zone immer eine kleine Sensation.
Der Aufschluss selbst präsentierte sich trotz enormer Erdbewegungen und intensiver Suche in gewohnt Ceratiten-freier Art und Weise und die Ablagerungen waren noch dazu tektonisch kompliziert gestört. Bei mir kam die Vermutung auf, dass alle Fundstücke aus nur einer einzigen Fundschicht stammen müssten, da wir ansonsten mehr Material hätten finden müssen. Allerdings waren von den bisherigen Fundorten Troistedt und Bucha keine konkreten Fundlagen bekannt. Bisher waren es fast immer seltene Einzelfunde im gesamten Schichtkomplex der Zone gewesen, die regional immerhin über neun Meter Mächtigkeit aufweist.

Abb. 1: Der Fundort Geilsdorf vor den Grabungen.
Abb. 1: Der Fundort Geilsdorf vor den Grabungen.

Es ließ mich nicht los und viele Tage suchten wir die Hänge ab – bis es am 24. Juni bei bereits fortgeschrittener Dämmerung endlich soweit war: ein Ceratites flexuosus lugte in situ aus dem Hang, 4,5 m über der Tetractinella-Bank. Ich hackte nach und innerhalb von zirka 30 Minuten hatte ich sage und schreibe 16 nahezu perfekt erhaltene Steinkerne geborgen. Euphorisch rief ich meinen Freund Siegfried Rein an und meldete ihm die Sensation, denn noch nie wurde in diesem Bereich eine Ceratitenpopulation geborgen. Er fuhr sofort los und wir gruben noch bis weit in die Nacht hinein im Schein der Taschenlampen.

In den nächsten Tagen musste es schnell gehen: Sicherung der Fundstelle, absolute Geheimhaltung, Information an das Naturkundemuseum Erfurt, Kontakt zur DEGES (Deutsche Einheit Fernstraßenplanungs- und -bau GmbH) und zur ausführenden Baufirma Bickhardt Bau. Alles klappte gut, insbesondere durch die ausgezeichneten Kontakte von Kay-Uwe. In der Folge organisierten wir insgesamt drei größere abenteuerliche Grabungen (teils bei über 30 Grad Hitze) mit schwerem Gerät und Personal von Bickhardt Bau, die sogar den ansich bereits fertigen Böschungshang extra für uns nochmals großflächig abtrugen.

Abb. 1: Der Fundort Geilsdorf vor den Grabungen.

Der Fundort Geilsdorf vor den Grabungen.

Die emsigen Grabungsteilnehmer waren trotz extremer Hitze und Sonneneinstrahlung immer gut gelaunt.

Auf der Fundlage geht es weiter mit feinem Gerät – und die Arbeit wird mit den erhofften Funden belohnt.

Die Ceratiten stammten aus einer etwa drei Zentimeter dicken Tonmergel-Lage die von einer zirka acht Zentimeter mächtigen, durchgehenden mudstone-Lage abgedeckt wurde. Auf dieser lag eine sehr markante plastische Tonschicht auf, sodass sich der Fundhorizont trotz der tektonischen Störungen über weite Strecken lokalisieren ließ. Mit dem Bagger wurde flächig bis an das Top der mudstone-Lage abgetragen. In akribischer Teamarbeit (Kay-Uwe Elste, Siegfried Rein, Thomas Billert, Peter Thieme, einige hilfsbereite Kollegen vom Naturkundemuseum Erfurt und ich) wurde diese Kalkbank dann bis zur Fundlage herausgehebelt. Die Ceratiten lagen darin weiträumig verstreut einzeln oder zu zweit nebeneinander in der ansonsten fast fossilleeren Tonlage – etwa ein bis zwei Stück pro Quadratmeter. Insgesamt konnten etwa 120 Quadratmeter des Fundhorizontes durchsucht und über 150 oft perfekt körperlich erhaltene Ceratitensteinkerne geborgen werden.

 Flexuose Ceratiten nach dem Säubern.
 Flexuose Ceratiten nach dem Säubern.

Flexuose Ceratiten nach dem Säubern.

Die Geilsdorfer flexuosus-Population ist aufgrund ihres Alters und ihrer Erhaltungsqualität absolut einzigartig und herausragend. Sie bildet einen Schlüssel zum Verständnis der frühen Ceratiten-Evolution im Oberen Muschelkalk. Nach aufwändiger Präparation und statistischer Auswertung erfolgte nun die Publikation der Forschungsergebnisse. Diese werfen ein völlig neues Licht auf die Immigration der Ceratiten aus der Sephardischen Faunenprovinz und ebenso auf die biologischen Anpassungsstrategien der geheimnisvollen Ceratiten-Tiere im endemischen Ökosystem des Oberen Muschelkalkmeeres.

Tafelbeispiel aus BRANDT, S. & REIN, S. (2019): Beispiele der Größenklassen der adulten Individuen i
Tafelbeispiel aus BRANDT, S. & REIN, S. (2019): Beispiele der Größenklassen der adulten Individuen i

Tafelbeispiel aus BRANDT, S. & REIN, S. (2019): Beispiele der Größenklassen der adulten Individuen in der Geilsdorfer flexuosus-Population.

Weiteres Tafelbeispiel aus derselben Publikation: spektakuläre Funde!Weiteres Tafelbeispiel aus derselben Publikation: spektakuläre Funde!

Weiteres Tafelbeispiel aus derselben Publikation: spektakuläre Funde!

Die Art Sturia brandti REIN, 2019 ein neu entdeckter alpiner Immigrant der vor den sephardischen Cer
Die Art Sturia brandti REIN, 2019 ein neu entdeckter alpiner Immigrant der vor den sephardischen Cer

Die Art Sturia brandti REIN, 2019 ein neu entdeckter alpiner Immigrant der vor den sephardischen Ceratiteseingwandert ist (siehe REIN, 2019).

Reco-Brandt Lebendrekonstruktion von Ceratites nodosus (Zeitform C. evolutus)

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